Heute ist Nikolaus. Auf dem Weg zur Werkstatt hörte ich im Auto, wie fast
jeden Morgen, SWR1. Ihr wisst schon, den regionalen Oldiesender. Man
kann sehr zuverlässig davon ausgehen nach Einschalten des Radios
innerhalb der nächsten 60 Minuten einen Titel von Joe Cocker, Tina
Turner oder Bruce Springsteen dargeboten zu bekommen. Oft auch von
allen drei.

Jedenfalls wurde dort heute früh davon berichtet wie ein Kollege los zog und zufällig ausgewählte Paketzusteller mit einer kleinen Überraschung
bedachte, um ihnen auch mal einen Dank für ihre Arbeit auszusprechen. Nette Idee , dachte ich noch so bei mir.

Keine vier Stunden später war meine Gemütslage eine völlig andere. Es
begann mit dem Zusteller von UPS. Seit ich Pakete per UPS geliefert
bekomme hat der biblische Ausspruch, dass ein jeder sein Päcklein zu
tragen habe, für mich eine völlig neue Bedeutung.
Der Fahrer, der die Tour die ersten gut 9 Jahre gefahren ist, war von einer fast schon faszinierenden Gleichgültigkeit seiner Aufgabe gegenüber.

Außerdem beschränkten sich seine Deutschkenntnisse im Wesentlichen auf den Satz: „Diese Mann da“, vorgetragen mit einer Geste des freien
Armes in eine unbestimmte Richtung. Zunächst konnte ich nicht
folgen, erkannte aber dann einen fragenden Unterton im Vortrag und
schloss daraus (richtigerweise), dass die Frage zum Ziel hatte heraus
zu finden ob „diese Mann“ (also die Firma meines Nachbarn) heute
geöffnet habe (also „da“ sei) und er das Paket dort abgeben
könne, oder ob ich anderenfalls vielleicht so freundlich wäre die
Sendung entgegen zu nehmen und dann weiter zu reichen.

Insgesamt war der Umgang mit dem Herrn sehr anstrengend. Hin und wieder hat man ja auch eine Frage an den Zusteller, und meine Kenntnisse
afrikanischer Sprachen oder auch des Französischen (das hätte
funktionieren können, seinem Akzent nach zu Urteilen) sind
bestenfalls rudimentär. Gut, ist vielleicht auch mein Fehler.

Jedenfalls wurde er vor ein paar Monaten abgelöst durch einen anderen Fahrer.
Dessen Deutschkenntnisse sind immerhin schon deutlich besser, aber es
konnte ja auch nur aufwärts gehen.

Zum Ausgleich für seine Sprachkenntnisse ist sein Intellekt… nun ja…
den tiefen Teller hat er nicht erfunden, sagen wir mal so.

„Aber einen Führerschein kriegen sie irgendwie alle“, wie die Mutter
einer Bekannten mal so treffend bemerkte. Der Mann fragt immer noch
jeden Tag nach meinem Namen und der Hausnummer, warum weiß nur er.

Ich versuche ja schon, UPS zu meiden. Aber heute hatte ich eine
Rücksendung zum Lieferanten, und das ging nur über UPS. Zumindest
kostenfrei, und ich bin ja schon lange genug bei den Schwaben 🙂

Jedenfalls wusste ich, dass ich zwischendurch nicht da sein würde und habe deswegen die Rücksendung in die Kiste vor der Tür gelegt. Auch so
ein Drama, bis die Paketdienstler mal den Sinn der Kiste begriffen
hatten waren in Berlin schon zwei Startbahnen fertig…

Ich war dann doch da als er kam, und sah vom Schreibtisch aus über die
Überwachungskamera, dass er die Lieferung tatsächlich in die Kiste
legt. Die Rücksendung, versehen mit einem Rücksendeschein (extra
nach oben gedreht) und einem Din-A 4 Zettel mit dem Text „Retoure!“,
fett und in Buchstabengröße 180 gedruckt, lies er jedoch dort liegen.

Ich habe ihn gerade noch erwischt bevor er wieder ins Auto stieg…

Er war ziemlich überrascht das ich von ihm erwartet hatte die
Sendung an sich zu nehmen: „Ach, soll ich Paket mitnehme??“ Dann
die gewohnte Frage: „Ihre Name?“ Ich habe ihm meinen Namen verraten…

Kurz später, ich bin beim Nachbarn. Dem fällt ein, das er Post für mich
hat. Die Postboten hier (es sind verschiedene) heben sich zum Teil
nicht deutlich von den Paketdienstlern ab. Die guten, die zwischendurch mal überraschend auftauchen, verschwinden in der Regel nach ein paar Monaten wieder. Keine Ahnung was mit denen passiert.
Aus irgendwelchen Gründen kontrolliert jedenfalls der Nachbar seinen Briefkasten wohl nicht regelmäßig, was ich für einen Gewerbebetrieb gewagt finde. Aber sei es drum, muss er ja wissen.
Jedenfalls hielt ich kurz darauf drei Sendungen an mich in der Hand, die bei ihm gelandet waren: ein Zeitungsverlag wollte mir Anzeigen offerieren für eine Ausgabe die Anfang November zur Auslieferung kam (ich sagte bereits, heute ist Nikolaus…), das Finanzamt hat mir Ende Oktober meine neue Steuernummer zugesendet und Conrad Elektronik wollte Werbung los werden. Die Angebote waren auch schon älter.

Was ist so schwer daran, die Buchstaben auf dem Poststück mit denen auf
den Briefkästen zu vergleichen und dann richtig einzuwerfen? Hier hängen nicht vierhundert Briefkästen, sondern vier. Und die auch noch nach  Eingängen getrennt.

Aber passend dazu habe ich gestern den Schluss einer Dokumentation über
das Ende des Steinkohlebergbaus gesehen. Ich bin zwar nicht auf Kohle
geboren, wie es so schön heißt, aber doch groß geworden. Das Thema beschäftigt mich also schon auch. Einer der Ex-Kumpel führte aus, wie das auch war auf dem Pütt: „Ich sach ma die, die ‘n bisken schlichter waren, die haben wir ja auch durchgeschleppt. Die haben dann eben den Gang gefeecht den ganzen Tach, aber die hatten wat zu tun. Und gezz? Wo gehen die ganzen Schlichten denn gezz hin?“

Heute Mittag schloss sich dieser Kreis für mich überraschend….