Immer wenn man denkt
man hätte schon alles gesehen kommt noch eine Überraschung. Ich
nehme morgens auf dem Weg in die Werkstatt in der Regel die
„schöne“ Strecke am Neckar entlang. Da kann ich prima vor mich
hinträumen, außer auf den kurzen Abschnitten in Hessigheim und vor
allem Mundelsheim (Mundelsheim ist ganz offenbar führerscheinfreie
Zone. Im Schnitt zweimal die Woche kommt aus irgendeiner Seitenstraße
jemand raus und fährt stumpf auf die Vorfahrtstraße, völlig egal
wie die Verkehrssituation da gerade ist). Die Alternativstrecke ist
zwar ein wenig kürzer, aber dafür auch sehr viel verkehrsreicher
und deshalb spare ich mir das meistens.

Jedenfalls, heute
früh rolle ich entspannt die ziemlich abschüssige Straße nach
Besigheim rein als die Ampel auf rot springt. Und neben mir macht auf
dem Radweg (!) ein Radfahrer eine Vollbremsung weil auch seine Ampel
rot wird. Und das obwohl in der Querstraße noch nicht einmal ein
Auto zu sehen ist. Und dann bleibt der Radfahrer auch noch
tatsächlich stehen bis seine Ampel wieder auf grün springt.

Bis heute früh war
ich sicher, so ein Szenario kommt nur in Propagandafilmen des ADFC
vor, weil Radfahrer normalerweise Ampeln nach meiner Erfahrung gar
nicht registrieren. Oder bestenfalls als buntes Beiwerk im
Straßenverkehr…

Ich habe mich dann
gefragt wie ich wohl reagiert hätte als Radfahrer. So alle paar
Jahre nutze ich nämlich auch das Fahrrad, und ja: das ist zu selten.
Mir fiel dann auf, das ich mich gar nicht erinnern kann mit dem Rad
schon jemals (seit ich vor ein paar Jahre wieder eines gekauft habe)
in die Situation „rote Ampel“ gekommen zu sein.

Weil Ampeln ja nicht
verschwinden sobald ich auf dem Fahrrad sitze habe ich dann folgende
Theorie entwickelt: Selektive Wahrnehmung hängt von der aktuellen
Situation ab.

So wie zum Beispiel
Männer beim Blick in den Kühlschrank die Butter nicht sehen (gut,
die gehört da auch nicht rein, aber das ist ein anderes Thema)
obwohl sie da ist. Ich selbst habe schon in den Kühlschrank fassen
müssen weil ich zwar wusste das
die Butter da drin ist, sie aber nicht gesehen habe. Schwarzes
Butterloch, sozusagen.

Die
Theorie hat noch ein paar Lücken, so erklärt sie zum Beispiel nicht
wieso einige wenige
Verkehrsteilnehmer entgegen der allgemeinen Tendenz auch beim
praktischen Gebrauch ihres Fahrzeuges nicht vergessen wo der Blinker
ist. Oder warum ich
manchmal sehe wenn meine Frau beim Friseur war, manchmal aber auch
nicht. Selbe Situation, selbe Frau, andere Reaktion.

Ich
glaube ich werde die bevorstehende ruhige Zeit nutzen um diesem
Phänomen mal auf den Grund zu gehen….